KEN’S CAT LOG

„Das Gehirn ist die größte erogene Zone“ – das könnte gut sein.

Ich fand ein Interview mit der CEO der Audio-Porno-App Quinn spannend und habe die Punkte zusammengefasst, die mich besonders angesprochen haben: ein Produkt, das nicht auf Bilder, sondern auf Geschichten und Vorstellungskraft setzt – und warum es bei Audio-KI noch viel ungenutzten Raum gibt.

Es ist ein Artikel von VOGUE JAPAN aus dem Jahr 2022, der mir zufällig untergekommen ist. Ich habe ihn gelesen und fand ihn ausgesprochen spannend: ein Interview mit Caroline Spiegel, der CEO der Audio-Porno-App „Quinn“.

„Das Gehirn ist die größte erogene Zone“

Dieser eine Satz ist mir am stärksten hängen geblieben. Besonders für Frauen sei das Gehirn die größte erogene Zone.

Die Zahlen, die sie als Beleg nennt, machen es leicht nachvollziehbar: Von den Nutzerinnen mit einem Quinn-Account ist nur eine von 50 bei einer Pornoseite registriert. Neun von zehn lesen jedoch Liebesromane. Geschichten und Vorstellungskraft sind also ein viel stärkerer Antrieb als Bilder.

Wenn man es so sagt, klingt es plausibel. Zwischen all den Produkten, die komplett auf das Visuelle setzen, könnte es tatsächlich gut sein, auf Ohren und Vorstellungskraft zu setzen.

Für Frauen gestartet, am Ende für alle geworden

Ursprünglich richtete sich der Dienst an Frauen – mit dem Ziel, „die Art von Pornografie, die bislang oft aus einer männlich geprägten Perspektive entstand, grundlegend zu verändern“.

Doch als der Dienst tatsächlich startete, wurde er von Menschen verschiedenster sexueller Orientierungen angenommen. Auch bei den Creators gibt es Frauen, Männer und nichtbinäre Personen; die Inhalte reichen von zärtlichen Szenarien bis hin zu eher SM-orientierten.

Mir gefiel die Erklärung: „Dass man an einem Tag sanfte Inhalte und an einem anderen intensive sucht, ist ein Stimmungswechsel, der ganz normal selbst im Kopf einer einzigen Person vorkommt.“ Dass etwas, das für eine klar umrissene Zielgruppe entwickelt wurde, am Ende ein viel breiteres Publikum erreicht, ist auch als Produktgeschichte interessant.

Das „Ich sollte das mögen“ ignorieren

Als praktische Erkenntnis ist mir vor allem das hier geblieben.

Menschen, die sich über ihre sexuelle Orientierung unsicher sind, rät sie: „Ignorieren Sie die Vorstellung, dass Sie etwas mögen sollten.“ Es gehe nicht darum zu beurteilen, ob etwas richtig sei oder nicht. Man könne sich dem mit einer Haltung nähern, die der eigenen Neugier großzügig Raum gibt und sie weiterentwickelt.

Den ganzen Druck ablegen und freundlich zu sich selbst sein. Ich glaube, das hilft nicht nur beim Thema Sexualität, sondern ganz allgemein.

Über Quinn

Eine 2019 gegründete App für „Audio-Erotik“. In den ersten sechs Monaten nach dem Launch stiegen die Umsätze offenbar Monat für Monat um 70 Prozent; inzwischen soll es Hunderttausende Nutzer:innen geben. Die Ausrichtung ist, freie sexuelle Ausdrucksformen zu fördern – unter Ausschluss von nicht einvernehmlichem Sex oder Inhalten mit Minderjährigen.

CEO Caroline musste ihr Studium wegen sexueller Funktionsstörungen infolge einer Essstörung abbrechen. Von dort führte ihr Weg zur Entwicklung einer App, die die Tabus rund um Lust abbauen soll. Sie ist offenbar auch die jüngere Schwester von Evan Spiegel, dem CEO von Snapchat.

Bei Audio gibt es meiner Meinung nach noch viele Lücken

Ich sehe mir jeden Tag die Charts im App Store und bei Google Play an und erstelle daraus Berichte. KI-Apps gibt es inzwischen wirklich unzählige. Chats, Bilder, Videos – die Spitzenplätze sind so umkämpft, dass sie täglich wechseln.

Nur bei Audio habe ich das Gefühl, dass noch allerlei unbesetzter Raum übrig ist. Vorlesen und Transkribieren sind längst Standard. Doch Produkte, bei denen das Zuhören selbst im Zentrum der Erfahrung steht, gibt es darüber hinaus bislang nur eine Handvoll.

Genau dort setzt Quinn an – und das funktioniert bereits seit 2019, ganz unabhängig von KI. Von Menschen eingesprochene Audioinhalte, die auf Vorstellungskraft setzen und daraus ein tragfähiges Geschäft machen. Dann hat wohl noch niemand wirklich ausprobiert, was möglich wird, wenn KI darauf trifft.

Während visuelle Produkte überfüllt sind, sind die Ohren noch frei. In diesem Sinne dachte ich: Das könnte gut sein.


Hier ist der Originalartikel. Alle Zahlen und Aussagen stammen von dort; dies ist lediglich eine Zusammenfassung der Punkte, die ich daran interessant fand.

„Das Gehirn ist die größte erogene Zone“. Die CEO der Audio-Porno-App „Quinn“ über das Potenzial von Eros. — VOGUE JAPAN

Interview & Text: Misaki Yamashita / Redaktion: Toru Mitani (17. August 2022)